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Googleplusgood

George Orwell wird sich wahrscheinlich gerade im Grab umdrehen. Nicht, weil er sein Big-Brother-Szenario endlich wahr werden sieht (ganz im Gegenteil, siehe weiter unten), sondern weil sich Google+ (oder Googleplus) bei seinem Vokabular bedient hat.

Manch einer wird Googleplus für einen genialen, weil bestechend einfachen Schachzug halten. Ist es tatsächlich in mancherlei Hinsicht auch: Dass zuvor noch niemand auf die Idee gekommen ist, die undurchsichtige Spaghetti-Sauce namens Social Media Kommunikation ein wenig transparenter zu machen, erscheint fast verwunderlich, nachdem es das einfache und effiziente Prinzip der Circles und der Sparks gibt.

Aber nicht nur das: Googleplus erscheint auch gerade durch den Charme der kurzen, effizienten, eindeutigen, symbolischen und fast philosophischen Namensgebung besonders innovativ. Das Plus steht eben, auf geradezu simple Art, für die Steigerung, die Weiterführung, den Komparativ oder gleich den Superlativ.

Und gerade diese Art der sprachlichen Komprimierung auf die absolute Essenz hat George Orwell in seinem Roman 1984 auf beeindruckende Weise auf die Spitze getrieben. In Newspeak, der aus politischen Gründen künstlich verknappten Version der englischen Sprache, wird aus goodbetterbest das viel einfachere goodplusgooddoubleplusgood. Google macht nur den Unterschied, dass es das plus nicht als Präfix, sondern als Suffix anhängt.

Und damit hören die Parallelen zwischen Google und Orwell auch schon auf. Unsere heutige Gesellschaft (zumindest in Westeuropa) ist meiner Meinung nach eher das komplette Gegenteil von einem Big Brother-Szenario – und einer Orwellschen Welt fast diametral entgegengesetzt. Unsere Welt ist etwas, von der Orwells Big Brother eigentlich träumt: Eine Gesellschaft, die nicht mehr überwacht zu werden braucht, weil sie bereit- und freiwillig ihre Privatsphäre aufgibt und in nicht wenigen Fällen einen fast nahtlosen, voll transparenten Lebensstrom im Netz hinterlässt. (Mit einem Gegenwert, von dem fraglich ist, ob er dem langfristigen Verlust der Privatsphäre entspricht; die Daten stehen ja im Netz und werden dort nicht gelöscht.)

Die Frage, ob Google Plus die Zukunft gehört, kann und werde ich hier nicht beantworten. Klar ist jedoch, dass Googles Social Network in eine Kerbe schlägt, in der Facebook seine Nutzer gelangweilt und ratlos zurücklässt: Der ungefilterte Facebook-Stream von hunderten von Kontakten verblasst zur konturlosen Wandtapete, in der man kaum filtern kann, was für einen selbst relevant ist. Hinzu kommen semi-intelligente Filtermechanismen von Facebook selbst, die Nachrichten der einen Freunde hoch-, andere herunterpriorisieren; welches Schema dahinter steckt, bleibt für mich im Unklaren. Der stete Strom von größtenteils langweiligen Meldungen bleibt. Natürlich kann man bei Facebook auch Gruppen anlegen, mit etwas Aufwand. Nur tut das keiner, die Einrichtung ist so wenig usable wie vieles andere bei Facebook.

Gehört Googleplus deshalb die Zukunft? Nicht unbedingt – denn die Nachrichten dort sind ja per se nicht gehaltvoller. Lediglich die persönliche Filterung ist effektiver, und die Usability ist smarter auf die Hab-keine-Zeit-für-boring-Administrations-Jugend zugeschnitten. Gewinnt man mit purer Usability? Ja, sagt Apple. Nein, sagt Wolfram Alpha.

Aktuelle Entwicklungen sagen voraus, dass Facebooks Zenit überschritten ist und die Zeit reif ist für andere, neue Social Networks. Ob Google das sein wird, werden wir sehen. Eines ist jedoch klar: Orwells Zeit ist abgelaufen.

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