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LOST und seine Fans: Wie TV-Fantum im Internet in Zukunft funktionieren kann

LOST ist nach 6 Staffeln und 121 Folgen zu Ende gegangen. Das sind fast 81 Stunden am Stück – ein ganz schöner Brocken Bewegtbild.

Vorsicht: Spoilergefahr
(Wer Staffel 6 und das Ende noch nicht gesehen hat und noch gerne überrascht werden möchte, sollte vielleicht nicht weiterlesen.)

LOST war von vorneherein nicht wie andere Serien konzipiert, sondern eher als fortlaufender multipler Mehrteiler mit insgesamt 4800 Minuten Länge angelegt. Die einzelnen Folgen der Serie waren dabei so konsequent ineinander verschachtelt, aufeinander aufgebaut und so komplex, dass man schon nach einer verpassten Folge den Anschluss zu verlieren drohte.

Was frustrierend für alle unregelmäßigen Zuschauer war, war eine Belohnung für diejenigen, die dran geblieben sind: Mit immer neuen Rätseln, Querverweisen, Bezügen und aberwitzigen Verstrickungen der fast 20 gleichwertigen Hauptcharaktere wurde der fiktive Kosmos um die geheimnisvolle Insel im Pazifik über die sechs Staffeln hindurch derart angeheizt, dass man am Ende mehr als nur gespannt war, wie Damon Lindelof und Carlton Cuse, die beiden hauptverantwortlichen Autoren von LOST, ihren Kosmos auflösen und zu Ende bringen werden.

Und dieses Ende ist nun gekommen. Und für unzählige Fans wohl eine große Enttäuschung: Etliche der mühsam aufgebauten Geheimnisse werden nicht aufgelöst, andere finden eine verhältnismäßig banale Erklärung. Ein Ende der ganz großen Gefühle zwar, jedoch auch – im Gegensatz zum eher sarkastischen Tenor der gesamten Serie – ein Ende in viel esoterischer und pseudoreligiöser Zuckerwatte. Man hat fast den Eindruck, die Serie wäre den Machern am Ende davongaloppiert und man hätte Mühe gehabt, die Schäfchen wieder einzusammeln. Also ein stimmiges Ende zu finden und die komplexen Geheimnisse sinnvoll und stimmig aufzulösen. Und darauf Antworten zu geben, was im großen Stil aufgebaut wurde.

LOST hat wie keine zweite Serie ein riesenhaftes Fantum im Internet hervorgerufen. Die Plattform Lostpedia.com, in der jede Figur, jeder Handlungsstrang, jedes Vorkommnis in einer epischen Detailversessenheit ausgebreitetet wird, füllt fast 7.000 Artikel. Die unzähligen Querverweise, Anmerkungen und Ergänzungen der User nicht zu vergessen. Und Lostpedia ist nur eine von vielen Fansites, auf denen die Fans sich in überbordenden Verschwörungstheorien ergehen konnten. Es scheint fast so, als ob Cuse und Lindelof ein Kartenhaus aufgestellt haben – und die Fans eine ganze Stadt danebengebaut haben.

Aus meiner Sicht ist genau das der Grund für die große Enttäuschung bei einem Teil der Fans: Die Erwartungshaltung, die aus dieser massiven Eigendynamik von LOST-Content im Internet erwächst, konnten die Autoren am Ende beim besten Willen nicht erfüllen. Im Gegenteil: Als die LOST-Communities in den letztes Jahren wuchsen und wuchsen und gleichzeitig die Zuschauerzahlen mehr und mehr zurückgingen, wurden immer aberwitzigere Geheimnisse rund um die Insel aufgebaut, um den Hunger der Fans zu erfüllen und die Zuschauer bei der Stange zu halten. Gleichzeitig wurden aber auch die Theorien der Fans um die Geschehnisse auf der Insel immer abstruser und gigantischer. LOST hat vorgelegt, die Fans haben ein Zigfaches nachgelegt, interagiert, interpoliert – und die Serie dadurch mitgestaltet und exponentiell expandiert.

Das klassische Fernsehen ist nun organisatorisch – zumindest bislang – ganz entsprechend dem Kommunikationsmodell von audiovisuellen Massenmedien aufgestellt: Wenige sagen etwas (Autoren), viele hören zu (Fans). Der umgekehrte Weg, der des interaktiven Fernsehens, des Austauschs, ist nicht vorgesehen. Und genau das ist bei LOST schiefgegangen. Vielleicht hätte man den Fans einen Kanal geben können, aktiver auf die Serie einzuwirken. Vielleicht hätte das am Ende zu mehr Konsens geführt.

Ich bin der festen Meinung, dass TV-Modelle der Zukunft, die auf ein stark ausgeprägtes Fantum setzen wollen (wie etliche der Konzepte von J.J. Abrams wie Cloverfield oder Super 8 es implizieren), wesentlich stärker versuchen müssen, die Fan-Contents und Fan-Kommunikation im eigenen Sinn zu bündeln, zu kanalisieren und mit ihnen über Social Media-Kanäle zu arbeiten. Die Fans zu Co-Autoren zu machen, zu Verbündeten, zu Eingeweihten.

Zum Beispiel:

  • Ein Facebook-Channel, der nicht nur ABC-Sendeteaser als verlängerte Fernsehzeitschrift schaltet, sondern die Nutzer gezielter und gebündelter als in der üblichen (unbefriedigenden) Facebook-Kommentarform einbindet.
  • Eine Website, die mehr kanalisierte User-Interaktion vorsieht als nur Foren und thematisch relativ wahllose Fanvideos: Mehr Möglichkeiten, direktes Fanfeedback aufzugreifen und in Seriencontent umzuwandeln, wie Feedback-Bots, Umfragen, Gewinnspiele, Chats mit den Autoren etc. (Wobei man sagen muss, dass LOST hier schon einiges mehr im Vergleich zu anderen TV-Events bewegt hat.)
  • Eine stärkere Identifikation von Superspreadern auf den Online-Plattformen und Schaffung von Möglichkeiten, diese zu Super-Usern bzw. Co-Autoren zu machen. Der virale Effekt, der hierdurch in Fangruppen geschaffen werden würde, dürfte bei einem Format im Stil von LOST immens sein.
  • Eine stärkere Durchdringung von Gaming, Internet und TV in Bezug auf Expansion des Fantums und Schaffung von intelligenten Interaktionsmöglichkeiten in den Handlungsverlauf; das Tool der Wahl wären wohl eher Mobile Apps als reine PS3-Spiele.
  • Eine engere Verzahnung und Hinführung zu den Online-Channels durch TV

Vielleicht sieht so das “interaktive” Fernsehen der Zukunft aus.

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