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Warum ein Facebook-Bezahl-Account durchaus eine gute Sache sein könnte

Facebook Pay

Seit einiger Zeit wird im Netz eine recht lebhafte Diskussion um Facebooks Privacy-Einstellungen geführt. Die beiden Fronten bilden dabei:

  • Datenschützer, die die von Facebook nicht offen kommunizierte, schludrig und verantwortungslos anmutende Weitergabe von Nutzerdaten anprangern (wie die zuletzt aufgedeckte Panne, dass Facebook Userdaten in den Referrer-Adressen an seine Werbekunden weitergeben hat; damit haben Werbekunden von Facebook die Möglichkeit, die Namen der User herauszufinden, die auf ihre Anzeigen geklickt haben).
  • Facebook bzw. deren Gründer Mark Zuckerberg, der an einen neuen Zeitgeist glaubt und der damit offiziell das Ende der Ära der Privatsphäre eingeläutet hat.

Beide Fronten schießen aufeinander ein, argumentieren, streiten, diskutieren. Für die Medien und Blogs ein gefundenes Fressen. Und scheinbar ein Konflikt, für den es keine befriedigende Lösung zu geben scheint. Oder doch?

Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn die Facebook-App meines Friends meine Profildaten (z.B. Name, Bild, Freundeslisten) ohne meine Einwilligung auslesen und weitergeben kann? Was ist denn so schlimm daran, wenn alles, was ich in meinem Facebook-Account zum Besten gebe, von jedem gelesen werden kann – also auch von zwielichtigen Datensammlern? Warum an diesem veralteten Modell der Privatsphäre festhalten, wenn es viel cooler ist, offen zu sein? Sag nicht ich, sagt Mark Zuckerberg. Nicht wortwörtlich, aber so:

When I got started in my dorm room at Harvard, the question a lot of people asked was ‘why would I want to put any information on the Internet at all? Why would I want to have a website?

And then in the last 5 or 6 years, blogging has taken off in a huge way and all these different services that have people sharing all this information. People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds, but more openly and with more people. That social norm is just something that has evolved over time.

We view it as our role in the system to constantly be innovating and be updating what our system is to reflect what the current social norms are.

A lot of companies would be trapped by the conventions and their legacies of what they’ve built, doing a privacy change – doing a privacy change for 350 million users is not the kind of thing that a lot of companies would do. But we viewed that as a really important thing, to always keep a beginner’s mind and what would we do if we were starting the company now and we decided that these would be the social norms now and we just went for it.

Quelle: Read Write Web

Man darf bei dieser Diskussion nicht vergessen, dass es die beiden oben genannten unterschiedliche Pole und damit Sichtweisen und Interessen gibt: die der User/Datenschützer und die des Unternehmens Facebook. Letztere wollen mit ihrer Plattform Geld verdienen. Viel Geld. Die User wiederrum wollen sich promoten, unterhalten, liken, anstupsen – was eben so Spaß macht – ohne ihr Innerstes nach außen zu kehren und all den Verrückten da draußen zugänglich zu machen. Kann jeder verstehen, der schonmal Nachtbus gefahren ist.

Das Businessmodell von Facebook basiert, wie obige Zitate verdeutlichen, auf dem Prinzip, Informationen von Menschen im Internet transparent zu machen – in Echtzeit. Es macht keinen Sinn, Facebook dafür zu verteufeln, mit diesem Modell Geld verdienen zu wollen. Das Problem ist nur: So wie Facebook es derzeit anstellt, ist es nicht gerade vertrauensfördernd. Ich bin daher der Meinung: Es würde allen Beteiligten sehr viel nutzen und insgesamt Vertrauen aufbauen, wenn Facebook ein klareres und durchsichtigeres Werbe- und Finanzierungsmodell hätte.

Anstatt also latent zu versuchen, die Nutzerdaten möglichst offen zu halten, um daraus die Grundlage für hochwertiges Targeted Advertising zu machen, was aber letztlich nicht offen, transparent ist und für Vertrauen sorgt, sollte Facebook meines Erachtens folgendes tun:

1. Den bisherigen Gratis-Account kostenlos belassen – dafür werbebasiert

Kostenlos-Zugänge, wie sie bei Facebook üblich sind, sollten gratis belassen werden. Aus Unternehmenssicht ist dies dann interessant, wenn das Ganze auf einem werbebasierten Businessmodell basiert. User, die also weiterhin einen Kostenlos-Account haben möchten, könnten sich im Gegenzug bereit erklären, auf Basis ihrer Nutzerdaten individuell beworben zu werden oder mit ihren Fotos in Werbung für Freunde eingebunden zu werden.

Dies hätte zwei Vorteile: User, die kein Geld für Facebook bezahlen möchten, müssten dies auch nicht tun. Und diejenigen, die mit Zuckerberg einer Meinung sind (“The Age of Privacy is over“) oder sich – aus Naivität oder wie auch immer – keine Gedanken über die Öffnung ihrer Privatsphäre machen, könnten mit dem Default-Gratis-Account weiterhin glücklich sein. Alle anderen könnten sich für den Premium-Account entscheiden. Insofern hat Zuckerberg mit seiner Einschätzung nicht ganz unrecht: Die Zeit, in der die Privatsphäre ein selbstverständliches, kostenloses Gut war, ist vorbei.

2. Einen kostenpflichtigen Premium-Account anbieten

Ein Bezahl-Account, der garantiert, dass die eigenen Daten privat bleiben und nicht weitergegeben werden und der grundsätzlich werbefrei ist, würde die Liga der Datenschützer und Privacy-Anklager mundtot machen. Der Premium-Account sollte freiwillig sein, der Standard-Account sollte bei einer Umstellung auf “Wähle-Standard-oder-Premium” voreingestellt bleiben. Denn streng genommen weicht das Premium-Modell etwas vom originären Facebook-Businessmodell ab – eine sanfte Handhabe wäre daher notwendig. Was Xing vormacht, und was im Business-Bereich allgemeine Akzeptanz findet, könnte für Facebook auch eine mögliche Einnahmequelle sein. Und eine Möglichkeit, die Unkenrufe aus der Privacy-Ecke einzudämmen.

Um die Attraktivität eines Premium-Accounts noch weiter zu erhöhen, wären Anreize für Premium-Nutzer sinnvoll – wie:

  • Kategorisierung der Freunde
  • Kanalisierung der Statusmeldungen in sinnvollen Boxen (wie Likebutton, nur viel stärker personalisierbar)
  • Intelligente Filterung der Informationen nach vordefinierten Tags
  • Automatisierbare Voreinstellungen
  • Intelligente Rückvergütungsmodelle für Superspreader

MaximumPC hatte übrigens vor über einem Jahr bereits einen Facebook-Premium-Account mit speziellen Features angekündigt – als Aprilscherz.

Ich bin jedoch ganz abseits von mittelmäßigen Scherzen der Meinung, dass mit einem privacy-orientierten Premium-Account die Diskussion um Facebooks Privacy-Strategie ein für allemal beendet wäre. Hoffentlich. Wenn nicht Zuckerberg auf die Idee käme, auch die Daten von Premium-Usern genauso im Stillen im Klartext an ihre Werbekunden weiterzugeben

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