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Eindrücke von der Next Conference

Next Conference

Game Changer – so das Motto der diesjährigen Next Conference. Mit großem Brimborium und von lautstarkem „Wir-werden-international-und-kommen-in-die-Hauptstadt“ begleitet, geht es in der von Sinnerschrader organisierten Konferenz darum, die neuesten Hypes aufzuspüren, die Next Big Things aus der Mottenkiste zu holen, den neuesten heißen Scheiß zu präsentieren. Dabei ist das Selbstverständnis, nicht weniger als die innovativen Heilsbringer der nahen Zukunft im digitalen Marketing aufzuspüren, die sogenannten Game Changer. Themen, die z.B. die angeschlagene Verlagsbranche in die Lage versetzen sollen, auch in Zukunft mit (digitalem) Content Geld zu verdienen. Themen, die die durch die Wirtschaftkrise betroffenen Agenturen wieder hoffentlich mit fetten Kunden-Budgets versorgen soll. Eigentlich ein spannendes Thema.

Wirklich. Wenn man nur nicht die ganze Zeit über Facebook und Twitter alleine sprechen würde, wenn man Social Media meint. Wenn man nur nicht Credential-Firmen-Präsentationen als „Next“ verkaufen würde (Mozilla, Typo3, Microsoft). Wenn man nur nicht an der Oberfläche der Themen stecken bleiben würde. Das ist ungefähr so, wie wenn man „tomorrow“ posaunen möchte, aber einem bei „too“ die Puste ausgeht.

Immerhin – eine schöne Erkenntnis: „Vorne ist da, wo man sich nicht auskennt“. So Oliver Ebert von Spot-Media (Sinnerschrader-Tochter). Sein Thema Switchpitch ist zumindest so weit vorne, als dass es ein uraltes kaufmännisches Prinzip der Umwerbung eines Kunden auf den Kopf stellt: Agenturen, so der Gedanke, die sich bisher mit Pitches um Kundenaufträge beworben haben, sollen in Zukunft selbst die Umworbenen von Markenunternehmen sein. Ausgeschrieben wird mit Switchpitch ein Agenturbudget von 100.000 Euro und die Aussicht, Lieblingskunde der Agentur zu werden. Nette Idee, nur: ob das funktioniert, bleibt fraglich. Die New Economy hat ja schon gezeigt, dass nur durch die bloße Anwesenheit des Internets nicht plötzlich etablierte Wirtschaftsprinzipien außer Kraft gesetzt werden. Auf der Website sind immerhin fünf Bewerbungen verzeichnet. Die sich nach näherem Hinsehen als Dummy-Einträge herausstellen.

Jung von Matt treibt die sprichwörtliche Sau durchs Dorf, indem Thomas Zervos in seiner Präsentation „10 Minutes of Schweinkram“ mal eben (nach 15 Minuten Gepowerpointere) ein gänzlich wirkliches, unvirtuelles, physikalisches Ferkel aus seiner Laptoptasche zieht. Mit iPad-Aufkleber auf seinem süßen, pinken Ferkelrücken. Mein erster Gedanke: Wenn ihm das Tierchen jetzt auf den Anzug pinkelt, dann haben wir die Klowände des Internet quasi vorne live auf der Bühne. In der digitalen Markenwelt werden ja gerne Klischees aufgewärmt und Plattitüden plattgetreten. Das Ferkelchen soll wohl für dirty, aber innovativ stehen. Bei der simplen Aussage „nicht jede digitale Sau durchs Marketing-Dorf treiben“, bleibt es dann aber auch.

Der Kollege von Walmart spricht über Foren auf mywalmart.com, während einige Zuhörer den Raum verlassen. Ein kollaboratives Intranet-Konzept, dessen Idee denke ich nicht aus dem Jahr 2010 stammt. Damit ist er aber auch unter den Präsentierenden nicht allein.

Ein gewisser Teil der Präsentationen stammt von Sinnerschrader oder Tochterunternehmen, unter den Teilnehmern ist die Dichte von eigenen Mitarbeitern recht hoch. Was wohl den Innovationsgrad des Unternehmens unterstreichen soll, mutet für wirklich Themeninteressierte jedoch ein wenig wie eine Mogelpackung an. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann man vielleicht noch verstehen, dass der Konferenz-Initiator versucht, wenn man schon Risiko und Kosten trägt, sich auch thematisch in den Vordergrund zu spielen. Für die Teilnehmer jedoch, die immerhin für ein Zweitagesticket etwa 900 Euro bezahlen, bleibt leider ein schaler Beigeschmack.

„Und das WLAN ist always on-off“, sagt mein Nebensitzer.

Es gibt aber auch nette, durchaus faszinierende Ausnahmen unter den Beiträgen: Jung von Matt produzierte für den Sender 13th Street einen interaktiven Film, der den Zuschauer in einem Horrorfilm auf einfache Art und Weise, jedoch so intensiv interaktiv einbezieht, dass man das Gefühl bekommt, nach dem Kinobesuch wäre die Hälfte der Zuschauer reif für den Psychiater gewesen. Die zentrale Aussage dieser Präsentation ist jedoch: Game Changing ist eher eine Sache der kleinen Schritte. Und oftmals der kleinen Budgets.

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