A weblog by pogrzeba*net

Wenn die Welle kommt: Der Mythos Shitstorms – und was sie wirklich sind

In unserer inzwischen immer mehr digitalisierten Welt gibt es etliche gesellschaftliche und kommunikative Phänomene, die ohne die weltweite Vernetzung des Internet und die Echtzeitkommunikation durch digitale Medien schwer vorstellbar sind. Durch die zunehmende Mobilisierung gibt es so gut wie keinen Offline-Zustand mehr: Schon morgens nach dem Aufwachen ist man mit seinem Smartphone online und nur einen Klick bzw. eine Fingerberührung von der weltweiten Publikation von Statements, Bildern oder Filmen in sozialen Medien entfernt.

Wenn die Welle kommt – illustr. by A.Lehmann

Illustration: A.Lehmann

Eingangsfrage: Was ist ein Shitstorm?

Das hat natürlich nachhaltige Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir leben, kommunizieren, uns verhalten: Wenn die Menschen empört sind über den schlechten Service eines Unternehmens, entladen sie ihre Wut darüber immer öfter in sozialen Medien, oftmals virtuell maskiert durch die Anonymität von Nutzerprofilen ohne Klarnamen, was nicht selten in offenen Beleidigungen oder Bedrohungen resultiert. Durch den hohen Grad der Vernetzung von Nutzern in Social Media erreichen solche Beiträge schnell eine sehr große Anzahl von Menschen, die ihrerseits – je nach der gefühlten eigenen Relevanz – die Nachricht weiterverbreiten und gegebenenfalls selbst kommentieren. Im schlimmsten Fall wird eine negative Kommunikations-Lawine losgetreten, die sich rasant schnell und viral verbreitet: Ein sogenannter Shitstorm ist geboren.

Ein Shitstorm ist ein „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht.“ (1) Sascha Lobo geht in seiner Definition noch einen Schritt weiter und versucht, den Prozess dahinter zu erklären: „Als Shitstorm soll [...] der Prozess bezeichnet werden, wenn in kurzem Zeitraum eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen getätigt wird, von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und statt dessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt wird.“ (2)

Initial aufgetaucht ist der Anglizismus shit storm im deutschen Sprachgebrauch in einem Kommentar von John Irving 2006 zur damaligen Mediendebatte zur SS-Vergangenheit von Günter Grass: “Mein Freund und früherer Mentor Kurt Vonnegut würde das nationalistische Geplapper in den deutschen Medien wohl als „shit storm“ bezeichnen.“ (3)

Der Artikel „Der Mythos der Shitstorms – und was sie wirklich sind“ soll die Frage beleuchten, was Shitstorms sind, wie sie entstehen – und wie man ihnen professionell begegnen kann. Um letzteres strategisch und taktisch anzugehen, muss man sich vor Augen führen, was eine über digitale Medien verbreitete Empörung von einer klassischen, offline geführten Empörungswelle unterscheidet: So ist es nicht die Empörung an sich, die einen Shitstorm ausmacht, sondern vor allem die Art und Weise der medialen (und viralen) Verbreitung.

Experten – und vor allem Betroffene – sehen Shitstorms zum einen als potentiell schwer zu kontrollierende Negativwellen in digitalen Medien, verursacht und beschleunigt durch den viralen Effekt des Internets. Zunehmend jedoch – mit stetig wachsendem Erfahrungsschatz aus vergangenen Shitstorms und dem koordinierten Umgang damit – etabliert sich auch eine professionelle Herangehensweise, wie man Shitstorms mit intelligenten digitalen PR-Mitteln begegnen kann.

Google Trends: Shitstorms

Die Empörungswelle als medienübergreifendes Phänomen

Shitstorms sind Empörungswellen, die mittels der viralen Kraft des Internets entsprechend massive Auswirkungen haben können. Empörungswellen an sich sind jedoch nicht gleichzusetzen mit Shitstorms in digitalen Medien, da es sie schon viel länger als das Internet gibt: Wie das Beispiel der Fatwa gegen Salman Rushdie (4) zeigt, können Empörungswellen, in denen beleidigt, beschimpft oder sogar – wie hier – mit dem Tode gedroht wird, durchaus auch ohne das Internet entsprechend groß werden.

Den relevanten Unterschied, ob eine Empörungswelle – in klassischen Medien oder digital – aus einem bestimmten Zielgruppeninteresse herausgelöst und in den Blickpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gehoben wird, macht in jedem Fall die Involvierung der Massenmedien. In jedem Fall ist die Gefahr bei Empörungswellen, dass das eigentliche Thema hinter einer kommunikativ zum Ausdruck gebrachten Wut zurückbleibt und eine Empörung sich gegenüber dem Adressaten in Form von Beleidigungen oder Bedrohungen äußert – und es am Ende vermeintlich gar nicht um das Thema als solches geht. Diesen Effekt fördert das Internet durch seine Anonymität, seinen Vernetzungsgrad und seine niedrigen Eintrittsbarrieren entsprechend.

Wie Dominik Grollmann vom iBusiness-Verlag zeigt, kann man bei Empörungswellen vier Zustände (bzw. drei Stufen) der Themenbeschleunigung bei Empörungswellen (5) beobachten:

  • Grundrauschen / Daily-Noise (Beispiel: Nutzer-Feedback auf Facebook-Fanseiten der Bahn, von Watchever, Air Berlin u.a.)
  • Aggregatoren-Level (Beispiel: Ebay und der Vorfall von Millionen gestohlenen Passwörtern)
  • Massenmedien-Level (Beispiel: Shitstorms bei Kitkat, Pril, Burger King u.a.)
  • Trend-Level (Beispiel: NSA / Edward Snowden, #Aufschrei-Hashtag)

Stufen der Themenbeschleunigung bei Shitstorms

Erst wenn der Massenmedien-Level erreicht ist, ist eine Empörungswelle – oder ein Shitstorm in digitalen Medien – potentiell so wirkungsvoll, dass kurzfristiger und gegebenfalls auch nachhaltiger Schaden entstehen kann.

Digitalität als Katalysator der Empörungswelle

“If you make customers unhappy in the physical world, they might each tell six friends. If you make customers unhappy on the Internet, they can each tell 6,000.” (6)

Jeff Bezos, Gründer des Online-Warenhauses Amazon, bringt es mit seiner oft zitierten Aussage auf den Punkt: Der Grad der Vernetzung in sozialen Medien wie Facebook, YouTube, Twitter, Pinterest u.a. und die Reichweite von eigenen Nachrichten, Beiträgen, Meinungen und Kommentaren ist seit der Etablierung von Social Media vor rund zehn Jahren stets massiv gestiegen. Erfolgreiche virale Videos und andere Beiträge schaffen es oftmals, innerhalb von wenigen Tagen Nutzerzahlen von mehreren Millionen zu erreichen. Das erfolgreichste YouTube-Video aller Zeiten, „Gangnam Style“ von Psy, wurde innerhalb eines halben Jahres von einer Milliarde Menschen (7) und bis heute von mehr als zwei Milliarden Menschen (8) aufgerufen – einem knappen Drittel der Menschheit.

So ist zu erklären, dass so manches interne PR-Team von Unternehmen sich im Falle eines Shitstorms von einer wahren negativen Schlammlawine überrollt sehen – wollten sie doch ursprünglich eigentlich nur eine PR-Kampagne starten, die die Internetnutzer in die Markenkommunikation interaktiv einbinden sollte.

Pril erlebte im Frühjahr ein PR-Debakel ohnegleichen, als der Aufruf an die Netzgemeinde, eigene kreative Gestaltungsvorschläge für Pril-Flaschen einzureichen, zu einer großen Protestwelle in Social Media Plattformen führte. Henkel versprach zunächst, das Gewinnerdesign zu drucken und in den Handel zu bringen. Etliche der beliebtesten Designentwürfe von Nutzern waren jedoch so absurd, dass Henkel davon Abstand nahm und statt dessen die Rangfolge nach eigenem Gutdünken umstellte (mit der Begründung der Manipulation von Beiträgen durch Nutzer). Die Protestwelle wurde so groß, dass sie schließlich die Massenmedien erreichte. Die Aktion wurde eingestellt, und statt einer kreativen PR-Kampagne mit entsprechend positiver Außenwirkung hatte Henkel mit einem massiven Imageschaden zu kämpfen. (9)

Shitstorm Pril: Schmeckt lecker nach Hähnchen

Neben dem Beispiel von Pril gibt es Dutzende von ebenso anschaulichen Beispielen von Shitstorms, sei es von Procter & Gamble, Nestlé, der Deutschen Bahn, Burger King und vielen anderen, die alle eines zeigen: Wenn die Empörungswelle sich in Social Media Netzwerken – und eventuell sogar Massenmedien – mal losgetreten ist, fühlen sich PR-Spezialisten oftmals hilflos und ohnmächtig ob der schieren Größe der entgegengebrachten Wut.

Der Vernetzungsgrad der digitalen Medien ermöglicht eine potentiell enorm schnelle Verbreitung von Empörungswellen, dem ein klassisch aufgestelltes PR-Team – wie im Beispiel Henkel zu sehen – innerhalb von kürzester Zeit nicht mehr Herr werden kann. Das Ergebnis in solchen digitalen PR-Krisen ist oft empfundene Machtlosigkeit, aktionistisches Handeln, Löschung (Zensur) – oder gar längeres Schweigen. Oftmals verschwinden Shitstorms wieder genau so rasant, wie sie über einen hereingebrochen sind – auch das wiederrum durch die ausgeprägte thematische Vielfältigkeit von digitalen Plattformen, wo schnell wieder andere Themen auf der Tagesordnung stehen. Gerade letztere Reaktion, das (Tot-)Schweigen von Shitstorms, begründet sich leider viel zu oft daraus: Schon nach wenigen Tagen wird niemand mehr von der großen Empörung sprechen, warum also jetzt eine offene Flanke zeigen und darauf reagieren? Diese Reaktion kann jedoch fatal sein, da Shitstorms, einzelnen Studien zum Trotz, neben einem Schaden an Image und Reputation sehr wohl auch konkreten wirtschaftlichen Schaden anrichten können.

Bildschirmfoto 2014-10-15 um 07.30.19

(Wirtschaftliche) Auswirkungen von Shitstorms

Die Auswirkungen von Shitstorms können nicht nur in einem Imageschaden resultieren, sondern auch in einem wirtschaftlichen Schaden, wobei dieser im Einzelfall schwer nachzuweisen ist und oftmals eher durch indirekte Faktoren gemessen werden kann.

Zum Thema, inwiefern Shitstorms neben kurzfristigen kommunikativen Schäden auch konkrete wirtschaftliche Schäden bewirken können, herrscht in den Medienwissenschaften keine eindeutige Meinung vor. So ist die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in einer Studien zum Ergebnis gekommen, dass Shitstorms keine nachhaltigen negativen wirtschaftlichen Auswirkungen auf die betroffenen Unternehmen haben – sondern lediglich kurze Empörungs-Effekte, die jedoch in der Wahrnehmung der Nutzer schnell wieder verpuffen. (10)

Die Studie ist jedoch, wenn man sich deren Konzeption näher betrachtet, in wesentlichen Punkten angreifbar: So wurden lediglich einzelne, besonders in Massenmedien aufgegriffene Shitstorms behandelt. Zudem wurde die Befragung nicht von unabhängigen Dritten, sondern von den PR-Chefs der betroffenen Unternehmen selbst beantwortet – da liegt der Verdacht nahe, dass die Studienergebnisse entsprechend aus der eigenen Brille schöngeredet wurden: Welcher PR-Chef möchte schon öffentlich zugeben, dass ein über dem Unternehmen hereingebrochener Shitstorm große negative Auswirkungen hatte? Des weiteren erfolgte die Befragung auf freiwilliger Basis: Wer die Offenlegung des eigenen PR-Scheiterns befürchtete, musste entsprechend nicht an der Studie teilnehmen. (10)

Andere Studienergebnisse zeigen da ein anderes Bild: Eine Langzeitstudie zu den möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen von negativem Word of Mouth (Mundpropaganda) von Xueming Luo untersuchte die Veränderungen von Cashflow und Aktienkursen bei amerikanischen Fluggesellschaften im Zusammenhang mit negativen Äußerungen. Untersucht wurden neun amerikanischen Fluglinien über einen Zeitraum von sieben Jahren. Dabei trat folgendes zutage:

Je negativer die Kritik an einer Fluggesellschaft war, desto stärker war der Rückgang beim Cashflow, desto geringer waren die Kursgewinne und desto ausgeprägter waren die Kursschwankungen.

  • Umgekehrt verhielten sich die wirtschaftlichen Kennzahlen Cashflow, die Volatilität von Aktienkursen und Kursgewinne umso positiver, je weniger negatives Word of Mouth über eine Marke verbreitet wurde.
  • Der Zeitraum, in dem die wirtschaftlichen Auswirkungen von negativem Word of Mouth spürbar waren, betrugs im Schnitt fast ein ganzes Jahr.
  • Ein ausgeprägter Wettbewerb verschlimmerte diesen Effekt zudem noch: Je umkämpfter der Markt einer bestimmten Fluglinie war, desto schneller und höher waren die negativen Effekte – um mindestens 35% stärker und 31% länger bis zur Kompensation. (11)

Negatives Word of Mouth

Negatives Word of Mouth, ein mit Shitstorms vergleichbares Phänomen, hat nachgewiesenermaßen langfristige negative wirtschaftliche Effekte auf Unternehmen und Investoren. Studien oder Meinungen, die suggerieren, dass die nachgewiesenen Effekte von negativer Mundpropaganda nicht gelten, weil Shitstorms im volatil wahrgenommenen Medium Internet stattfinden, bergen die Gefahr, dass negative Kommunikationswellen in digitalen Medien bagatellisiert werden. In vielen Unternehmen (und vor allem beim Management) stehen digitale Medien oftmals schlicht nicht auf der Tagesordnung, wenn es um Krisen-PR geht.

So haben sich lediglich die Kanäle geändert bzw. erweitert, in denen sich Empörungswellen ausbreiten – nicht jedoch die nachgewiesenen negativen PR- und auch wirtschaftlichen Effekte. Gerade in digitalen Medien, in denen sich die Empörungswellen durch die ausgeprägte Vernetzung und die niedrigen Eintrittsschwellen schnell aufschaukeln, verschwinden diese auch entsprechend schneller wieder.

Digitale Krisenprävention

Es macht Sinn, sich bei der Krisenprävention von Shitstorms auch auf die Werkzeuge zu stützen, die sich schon bei der Krisen-PR in analogen Medien etabliert haben. Wie zuvor ausgeführt, sind Shitstorms Empörungswellen, für die – ob analog oder digital, ob massiv oder von einer kleinen Gruppe vorgebracht – es professionelle Ansätze in der Krisen-PR gibt, um adäquat darauf zu reagieren.

Manche Online-Experten gehen gar so weit zu sagen, dass Shitstorms ein Mythos sind, den es gar nicht mehr gibt: Empörungswellen im Internet sind zu „normalen“ Herausforderungen in der Krisenkommunikation geworden, wo auf eine Aktion eine (oder eine Reihe von) Stellungnahmen und Gegenreaktionen erfolgt (12). Letztlich sind es die Werkzeuge von profunder, professioneller Krisen-PR, die bei einem Shitstorm einzusetzen sind – nur eben mit besonderem Einsatz von digitalen Mitteln.

Digitale PR-Experten empfehlen die sog. Shitstorm-Skala, die die Stärken und Auswirkungen von Empörungswellen analog zur Beaufort-Windskala misst:

Shitstorm Skala

Abbildung: Shitstorm-Skala. Daniel Graf, Barbara Schwede (2012)

So macht es Sinn, sich bei einer Strategie der digitalen Krisenprävention an einer solchen Skala zu orientieren – und entsprechend zu jeder „Shitstorm-Windstärke“ konkrete PR-Maßnahmen zu konzipieren und prophylaktisch konkret vorzubereiten.

Bei der digitalen Krisenprävention und -beseitigung kann man zwischen externen und internen Maßnahmen unterscheiden:

Interne Maßnahmen der digitalen Krisen-PR

  • Eine profunde Digital-Strategie für Marketing, Vertrieb und PR ist die zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche digitale Krisenprävention: Nur wenn das digitale kommunikative Ganze klar ist, können auch konkrete Maßnahmen für digitale Krisen abgeleitet werden. Ansonsten bleiben Maßnahmen stets isoliert und es können schnell Lücken in Verantwortlichkeiten entstehen.
  • Wo ist Social Media aufgehangen? In vielen Unternehmen ist Social Media als Kommunikations- und Werbe-Thema im Marketing verankert – PR / Öffentlichkeitsarbeit setzt eher (nach wie vor) direkt bei klassischen Pressekontakten an. Im Falle einer digitalen Krise gilt jedoch: Eine Pressemitteilung oder eine Pressekonferenz beschwichtigt den aufgebrachten Social-Media-Mob nicht.
  • Eine profunde digitale Krisen-PR muss detailliert vorbereitet werden: So sollten Frühwarnsysteme aufgebaut werden. Professionelle Social Media Monitoring Tools bieten hier eine Vielzahl von Werkzeugen zur intelligenten Antizipation von möglichen Krisen.
  • Zur proaktiven Vorbereitung von möglichen PR-Krisen gehört das prophylaktische Schaffen von Kommunikationsplattformen im Netz, die im Falle einer Krise zeitnah aufgeschaltet werden können. Man spricht hier von sog. Dark Sites oder einem Social Hub für die Krisenkommunikation.
  • Es sollten saubere und klare Prozesse definiert werden für offizielle Statements entlang des Krisenmanagements.Mitarbeiter und Stakeholder sollten stets umfänglich informiert sein. Transparenz ist hier ein wichtiger Erfolgsfaktor: Die Marke als Imagehalter sollte nur offizielle Statements rausgeben, einzelne interne Interessensgruppen sollten sich aus der extern geführten Diskussion raushalten.
  • Mitarbeiter sollten geschult werden im Umgang mit Empörungswellen – eine wichtige Grundvoraussetzung für nüchternes, rationelles und konstruktives Handeln in Krisenfällen.
  • Mit einem sauberen Issue Management werden Vorwürfe thematisch gesammelt, kategorisiert und verifiziert. So können konkrete Kommunikationstaktiken entlang der Vorfälle entwickelt werden und die Diskussion konstruktiv geführt werden.
  • Rechtsexperten sollten stets proaktiv involviert werden – im Falle einer schnellen juristischen Eskalation ist Zeit oftmals der entscheidende Faktor.
  • Shitstorms gehen oftmals mit einer destruktiven Vermischung von Themen oder vom Thema losgelösten Beleidigungen einher. Der wichtigste Erfolgsfaktor ist von daher stets Transparenz: Mit einer voll umfänglichen und transparenten Dokumentation, die nicht nur intern zur Verfügung steht, sondern auch jederzeit sauber, historisch aufbereitet online zugänglich ist, können destruktive Kommunikationsströmungen schnell eingedämmt werden.
  • Im Falle einer PR-Krise sollten Ressourcen frühzeitig eingeplant werden. Bei Shitstorms kann es schnell notwendig werden, jederzeit („24/7“) zu reagieren.

Externe Maßnahmen der digitalen Krisen-PR

  • Im Krisenfall ist es unabdingbar, stets klares, auf Fakten basiertes Material zu kommunizieren. Dies gilt für offizielle Stellungnahmen wie auch für Social Media Postings, die idealerweise standardisiert sein sollten, um keine neuen Angriffspunkte zu schaffen. Eine umfängliche und transparente Dokumentation der Fakten sorgt für volle Transparenz nach außen.
  • Es ist wichtig, bei PR-Krisen im Dialog zu bleiben, freundlich zu bleiben, auf Augenhöhe zu kommunizieren, zu moderieren anstatt zu diskutieren und stets das Gespräch mit Peer Groups zu suchen.
  • Auch wenn die Empörungswelle PR-Fachleute eines Unternehmens schnell vor die Wand stellt, ist es wichtig, der Versuchung nicht nachzugeben und keine PR-Märchen zu erzählen. In Zeiten der Krise ist die Aufmerksamkeit von Außen besonders hoch, da können öffentlichkeitswirksame Halbwahrheiten schnell entlarvt werden.
  • Ebenso wichtig ist, sich nicht von einzelnen wütenden Kommentaren oder gar Beleidigungen zu schnellen Aussagen hinreißen zu lassen – die Gefahr einer schwer zu kontrollierenden Eskalation ist schlicht zu hoch.
  • Für die adäquate Kommunikation, das gilt für analoge wie auch für digitale Krisenprävention, ist es immer wichtig, die Sachlage aus der Sicht des Kunden zu sehen. Ein Seitenwechsel hilft hier immer, die eigene Kommunikation und deren Wirkung einzuschätzen.
  • Auch wenn Shitstorms oftmals in kleinen Blogs oder von einzelnen Social Media-Nutzern ausgehen, ist es wichtig, frühzeitig die Medien einzubinden und Shitstorms mit professioneller Medienarbeit zu begegnen.
  • Shitstorms haben keinen Feierabend: Wenn eine Empörungswelle kurz vor dem Wochenende losschlägt, ist es schwierig für die Außenwahrnehmung, wenn das Unternehmen sich erst Tage später dazu äußert. Im Internet ist die Kommunikation rasant – die digitale Krisen-PR muss hier im Bedarfsfall ebenso schnell sein (24/7).
  • Auch wenn intern frühzeitig Hausjuristen eingebunden werden sollten, ist es doch wichtig zu versuchen, den Rechtsweg zu vermeiden, da die Kommunikation damit den Pfad von konstruktiver PR-Arbeit verlässt und größtenteils formalisiert wird. Auf PR-Ebene findet dann oftmals nur eine weitere destruktive Eskalation statt.
  • Trotz aller negativen Eigenschaften einer Empörungswelle gilt: Krisen sind auch Chancen, die konstruktiv genutzt werden sollten – Chancen, das eigene Image nachhaltig zu verbessern, die Kundenkommunikation persönlicher zu gestalten oder unzufriedene Kunden durch verbesserten Service zurück zu gewinnen.

Fazit: Die Zukunft von digitaler Krisen-PR in Social Media

Dass Shitstorms sehr wohl ernst zu nehmen sind und nicht mit verschlossenen Augen, Ohren und Mündern ausgesessen werden sollten, zeigen die Erkenntnisse zu verursachten wirtschaftlichen Schäden – neben dem offensichtlichen Verlust an Reputation und Markenimage. Shitstorms und der Umgang mit ihnen in digitalen Medien sollten jedoch auch nicht mystifiziert werden – ähnlich der Neuland-Diskussion in der Politik: Shitstorms sind Empörungswellen, die mit guter digitaler PR-Arbeit bekämpft werden sollten.

Es ist das Wort digital, das hier wichtig ist und das zukünftig den Erfolg und Misserfolg von Krisen-PR bei Shitstorms ausmacht: Nur wenn die PR-Strategie von Unternehmen nachhaltig in digitalen Medien verankert ist und intern die Teams aus PR, Marketing und Social Media eng zusammenarbeiten, können Empörungswellen, so groß und massiv sie auch immer durch die Kräfte der Digitalität werden können, mit klaren, profunden, strategisch verankerten, professionellen und intelligenten Mitteln der digitalen Krisen-PR erfolgreich gemeistert werden.

Shitstorms sind Empörungswellen, die mit guter digitaler PR-Arbeit bekämpft werden sollten

Dirk Pogrzeba
Berlin, im September 2014

Quellenhinweise

(1) Duden (2014): Shitstorm, der. In: Duden.de.
http://www.duden.de/rechtschreibung/Shitstorm (abgerufen am 05.09.2014)
(2) Sascha Lobo (2010): How to survive a shitstorm. In: Vortrag auf der re:publika 2010. 21.04.2010.
https://www.youtube.com/watch?v=-OzJdA-JY84 (abgerufen am 05.09.2014)
(3) John Irving (2006): „Grass bleibt für mich ein Held“. In: Frankfurter Rundschau. 18. August 2006; zitiert nach: Heute in den Feuilletons. „Die Kalbshaut einer SS-Uniform“, Spiegel Online. 18. August 2006.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/heute-in-den-feuilletons-die-kalbshaut-einer-ss-uniform-a-432304.html (abgerufen am 05.09.2014)
(4) Jochen Hieber / FAZ (2014): 25 Jahre Fatwa – Das verfemte Buch und der größte Triumph des Salman Rushdie. In: FAZ.net. 14.02.2014.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/25-jahre-fatwa-das-verfemte-buch-und-der-groesste-triumph-des-salman-rushdie-12800703.html (abgerufen am 05.09.2014)
(5) Dominik Grollmann (2014): Shitstorm-Bekämpfung: Wie man der Wulff-Spirale entkommt, In: iBusiness.de. 28.07.2014.
http://www.ibusiness.de/members/aktuell/db/209372grollmann.html (abgerufen am 28.07.2014)
(6) Kevin Baldacci (2013): 7 Customer Service Lessons from Amazon CEO Jeff Bezos, In: Salesforce Blog. 10.06.2013.
http://blogs.salesforce.com/company/2013/06/jeff-bezos-lessons.html (abgerufen am 05.09.2014)
(7) Alex Dobuzinskis (2012): Psy’s “Gangnam Style” video becomes YouTube’s most viewed. In: Reuters. 24.11.2012.
http://www.reuters.com/article/2012/11/24/entertainment-us-psy-idUSBRE8AN0BT20121124 (abgerufen am 05.09.2014)
(8) Psy (2014): Gangnam Style, Video auf Youtube. 2012.
https://www.youtube.com/watch?v=9bZkp7q19f0 (abgerufen am 05.09.2014)
(9) Jörg Breithut (2011): Soziale Netzwerke: Pril-Wettbewerb endet im PR-Debakel. In: Spiegel Online. 20.05.2011.
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/soziale-netzwerke-pril-wettbewerb-endet-im-pr-debakel-a-763808.html (abgerufen am 05.09.2014); Virale Werbefallen: Pril schmeckt nach Hähnchen. In: Spiegel Online. 12.04.2011.
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/virale-werbefallen-pril-schmeckt-nach-haehnchen-a-756532.html (abgerufen am 05.09.2014)
(10) Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) / PR Magazin (2014): Der Shitstorm: Studie zum Nachweis wirtschaftlicher Schäden durch Shitstorms. In PR Magazin. 20.05.2013. http://www.macromedia-fachhochschule.de/news-details/datum/2014/5/20/mhmk-studie-ueber-empoerungswellen-in-sozialen-netzwerken-bislang-kaum-wirtschaftliche-schaeden-durch.html; https://epaper.prmagazin.de/index.rnd?sid=7494851811;module=epaper;id=189;page=57 (abgerufen am 05.09.2014)
(11) Xueming Luo (2009): Quantifying the Long-Term Impact of Negative Word of Mouth on Cash Flows and Stock Prices, Marketing Science, Vol. 28, No. 1, S. 148-165. 01/2009.
http://www.researchgate.net/publication/220659320_Quantifying_the_Long-Term_Impact_of_Negative_Word_of_Mouth_on_Cash_Flows_and_Stock_Prices (abgerufen am 05.09.2014)
(12) Kai Thrun (2014): Shitstorms: Ein Mythos am Ende. In: kaithrun.de. 30.04.2014,
http://kaithrun.de/meinung/shitstorms-ein-mythos-am-ende/ (abgerufen am 05.09.2014)
(13) Daniel Graf, Barbara Schwede (2012): Wetterbericht für Social Media. In: Feinheit.ch. April 2012
http://www.feinheit.ch/media/medialibrary/2012/04/shitstorm-skala_2.pdf (abgerufen am 05.09.2014)
(14) Sebastian Leber (2014):
Let’s play oder: wenn Fans wütend werden – Mein erster Shitstorm. In: Tagesspiegel. 31.05.2014.
http://m.tagesspiegel.de/medien/lets-play-oder-wenn-fans-wuetend-werden-mein-erster-shitstorm/9971300.html (abgerufen am 05.09.2014)
(15) Google Trends (2014): Statistiken zu Suchanfragen zum Thema Shitstorms. In: Google Trends. https://www.google.de/trends/explore#q=shitstorm (abgerufen am 05.09.2014)
(16) Die Presse, Sibylle Hamann (2013): Hunde waren nur ein Anfang: Der nächste Shitstorm kommt gewiss. In: Die Presse. 25.09.2013.
http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/sibyllehamann/1456635/Hunde-waren-nur-ein-Anfang_Der-naechste-Shitstorm-kommt-gewiss (abgerufen am 05.09.2014)
(17) Hamburger Abendblatt (2014): So überstehen Sie einen Shitstorm möglichst schadlos. In: Hamburger Abendblatt. 15.04.2014.
http://www.abendblatt.de/ratgeber/multimedia/article126963899/So-ueberstehen-Sie-einen-Shitstorm-moeglichst-schadlos.html (abgerufen am 05.09.2014)
(18) Tobias Kärcher, 2013: Keine Angst vor Shitstorms. In Wollmilchsau.de. 20.02.2013.
http://www.wollmilchsau.de/keine-angst-vor-shitstorms/ (abgerufen am 05.09.2014)
(19) ARD / Panorama (2012): Shitstorm im Bundestag: Politiker am Online-Pranger. In: ARD Mediathek. 05.07.2012.
http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Shitstorm-im-Bundestag-Politiker-am-Onl/Das-Erste/Video?documentId=11053368&bcastId=310918 (abgerufen am 05.09.2014)

Similar posts