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Der Ubergang in eine neue Taxi-Ära

Die alte und bis heute etablierte Welt des Taxifahrens sah für mich so aus: Vor 15 Jahren startete ich in Berlin als Agenturchef. Wie es so ist, war ich sehr oft mit dem Taxi unterwegs. Die ersten Learnings meiner frühen Berlin-Tage: Bloß nicht mit großen Scheinen zahlen, das hagelt Anschisse, sich nicht darauf verlassen, dass der Taxifahrer weiß, wo es langgeht (meine Agentur saß in der Kastanienallee, derer es ein halbes Dutzend in Berlin gibt), und sich insgesamt auf einen recht ruppigen Ton einstellen.

Taxi in Berlin

Anderthalb Jahrzehnte später sind Taxifahrer auch in anderen Städten ultraschlechtgelaunt (München: “Wowuis’n’hin?”) und haben sich zudem angewöhnt, ständig während der Fahrt zu telefonieren. Wer am Flughafen Tegel in ein Taxi steigen möchte, zahlt einen Euro mehr wie andernorts (da es Taxieinweiser gibt), muss sich aber auf eine Schlacht mit anderen Reisenden von den Ausmaßen von Blackwater Bay einstellen (da die Einweiser leider nur untätig rumstehen).

Kollegen von mir bestellen sich ihr Taxi entweder direkt zum Gate oder lassen sich von Freunden abholen. Das dachten sich vermutlich auch ein paar schlaue Entrepreneure und haben etwas Neues geschaffen, das exakt die Mischung aus Mein-Taxi-ordern und Von-Freunden-abholen-lassen ist: Die privaten Fahrer-Vermittlungen wie Uber oder Wundercar.

Aufruhr in der digitalisierenden Taxiwelt

Und diese neuen digitalen Schreckgespensts machen nun die Runde: Die privaten Online-Taxidienste versuchen den Markt aufzurollen und die Vorherrschaft von Taxis in Großstädten zu durchbrechen. Private Fahrer bieten ihre Fahrdienste via App an, einfacher, freundlicher, schneller und vor allem billiger als mit herkömmlichen Taxen. So jedenfalls das Versprechen. Wobei weder Uber noch Wundercar sich offiziell als Taxi-Konkurrenz verstanden wissen wollen, es de fakto aber sind.

Wie auch immer – die Welt ist in Aufruhr, Taxifahrer bestreiken ganze Städte, Behörden und Gesetzgeber (und Taxivertretungen) erklären Uber und Wundercar für illegal – Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, Scheinselbstständigkeit – und überziehen die Startups mit Klagen. Diese geben sich in der Presse ungerührt und kündigen an: Wir machen weiter. Die Services von Uber seien nicht auf Gewinnerzielung ausgelegt: “Bei uns fahren Köche und Segelmeister, Jurastudenten und Obstbauern”, sagt Uber. Die Schlacht ist begonnen, alle sind gespannt.

Gewinner und Verlierer-Verlierer

Wie bei vielen digitalen Geschäftsmodellen ist am Ende vor allem der Endnutzer der Gewinner und der Darbieter des alten/analogen Geschäftsmodells (hier: der Taxifahrer) der Verlierer. Und das sogar in doppelter Hinsicht: Die Taxifahrer protestieren, indem sie in den Boykott treten – und spielen damit den neuen Fahrdienstvermittlungen nur noch mehr Neukunden zu. Am 11. Juni 2014, dem Tag eines europaweiten Taxistreiks, stiegen die Zahl der Neuanmeldungen bei Uber um über 850%. Wundercar registriert aktuell im Schnitt 50 neue Nutzer – pro Minute. Welch Ironie.

Egal also, was etablierte Taxifahrer tun können: Sie scheinen immer zu verlieren. Der Markt ist dabei, sich zu öffnen, weil die neue digitale Infrastruktur sich nach Jahren des netten multimedialen Startupausprobierens zementiert hat. Und obwohl die Digitalisierung scheinbar auf den ersten Blick wenig mit dem analogen Geschäft des Taxifahrens zu tun hat, sind hier derzeit große Eruptionen im Gange. Diejenigen, die sich mit der digitalisierten Taxibranche auseinandersetzen, schwenken schnell auf die Überholspur ein: Die Services werden aus Nutzersicht smarter, individueller, effizienter, intelligenter und billiger*, so die Behauptung.

Damit ist klar: Die Welt ist durch und durch digital geworden, und so gut wie keine Branche dieser Welt ist von den Erschütterungen der Digitalisierung ausgenommen. Der etablierte Taxifahrer, der die neuen digitalen Möglichkeiten des individuellen Personentransports nur verteufelt, bleibt da schnell auf der Strecke.

Digital funktioniert nur Hand in Hand

Als Amazon 1998 gestartet ist, hat der Buchhandel zunächst die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt verteufelt. Ähnlich die Musikindustrie mit ihrem jahrelangen Stillstand hin zu akzeptablen MP3-Downloadangeboten. Als klar war, dass man nicht einfach wie der Esel in Ecke in der Gegenposition verharren kann, hat man sich am Ende auf die ökonomischen Möglichkeiten einer digitalisierten Welt eingelassen.

Heute ist beides völlig normal, Bücher online zu distribuieren oder als eBook zu lesen oder Musik digital zu laden oder zu streamen. Branchen müssen anerkennen, dass die Digitalisierung allgegenwärtig und relevant ist und man diese nicht ignorieren kann.

Die Lösung also? Die Welten wachsen zusammen. Die alte, analoge Welt öffnet sich für die digitalen Möglichkeiten, und die digitale Welt überrollt nicht die alte Welt, sondern nutzt deren Infrastrukturen. Uber ist beispielsweise auch für Taxifahrer verfügbar, die damit potenziell mehr Fahrgäste bedienen können und damit nicht mehr stundenlang am Taxistand ausharren müssen. Ob der Taxifahrer, der vor mir gerade telefoniert, das wohl schon erkannt hat?

* Die Behauptung an vielen Stellen, dass Uber billiger sei als etabliertes Taxifahren, stimmt im Übrigen nur bedingt: Eine Taxifahrt in Berlin vom Prenzlauer Berg zum Flughafen Tegel kostet etwa 23€, mit Uber zwischen 20€ und 34€.

Uber in Berlin

Über Uber:

Uber ist ein Vermittlungsdienst, der Fahrgäste an Mietwagen mit Fahrern (genannt Uber Black) sowie an private Fahrer (Uber Pop) zur Personenbeförderung vermittelt, die via App oder über die Website erfolgt. Bezahlt wird bargeldlos per Kreditkarte, die im eigenen Profil hinterlegt ist. 80 Prozent des Fahrpreises erhält der Fahrer, 20 Prozent gehen als Provision an Uber. Der Preis basiert auf festen Regeln und wird vor der Fahrt in der App angezeigt: 1€ Basisgebühr, 1€ pro Kilometer, 0,25€ pro Minute – hinzu kommen variable Faktoren wie Wettersituation, Nachfrage und anderes. Wer also nachts während eines Gewitterschauers in den Outskirts von Oranienburg ein Uber-Pop-Taxi ordern will, sollte sich auf eine gesalzene Rechnung gefasst machen.

“Uber wurde 2009 ursprünglich als Limousinenservice von Garrett Camp und Travis Kalanick (heute CEO) gegründet und hatte 2013 einen Umsatz von 213 Millionen Dollar. Hinter dem Unternehmen stecken nach eigenem Bekunden die Investoren Benchmark Capital, Goldman Sachs und Google Ventures, First Round Capital, Menlo Ventures und Lowercase Capital. Anfang Juni 2014 erhielt das Start-up 1,2 Milliarden Dollar Risikokapital von Investoren wie Google und Goldman Sachs – der Wert des Unternehmens wird seit dem auf mindestens 17 Milliarden Dollar geschätzt.

Da Uber auch Kunden an private Fahrer ohne Führerschein zur Fahrgastbeförderung vermittelt, ist derzeit rechtlich ungeklärt, ob es gegen das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) verstößt oder nicht. Uber fordert zwar vom Fahrer ein Führungszeugnis und eine Auskunft über den Punktestand beim Kraftfahrt-Bundesamt, jedoch keine Überprüfung der gesundheitlichen Eignung (z.B. Sehtest), wie sie für Taxi- und Mietwagenfahrer alle fünf Jahre vorgeschrieben ist.

Ob eine normale Kfz-Haftpflichtversicherung für die offenkundig gewerblichen Personenbeförderungen ausreicht, ist fraglich: Die weitaus meisten Kraftfahrzeugversicherungen schließen gewerbliche Personenbeförderung von ihrer Abdeckung aus, so dass im Schadensfall kein ausreichender Versicherungsschutz vorliegt.

Am 11. Juni 2014 haben zahlreiche Taxifahrer in Europa gegen Uber protestiert. Damit wurde einerseits die Politik auf Probleme mit der Vermittlung von Fahrten aufmerksam, andererseits machte die Berichterstattung über die Proteste viele Kunden erst auf die Möglichkeiten von Uber aufmerksam. In London stieg die Zahl der Neuanmeldungen bei Uber gegenüber dem Durchschnitt um 850 %.

Im Gegensatz zu Taxen dürfen Mietwagen mit Fahrer (Funkmietwagen) neue Aufträge nur am Betriebssitz oder „während der Fahrt fernmündlich“ nach § 49 PBefG aufnehmen. Eine Auftragsvergabe per Smartphone-App kann aber effizienter sein als eine Telefonvermittlung, und so halten sich die Fahrer möglicherweise eher „taxenähnlich vornehmlich in der Innenstadt bereit, um spontan Fahrgäste aufnehmen zu können“. Somit kommt es zu einer Konkurrenz mit Taxen.”

Quelle: Wikipedia

Weitere Quellen:

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