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IP-TV im Jahr 2013 – eine Bestandsaufnahme

2006 war ein innovatives Jahr: Neue Technologien waren in aller Munde, das Internet mit seiner damals immer breitbandigeren Verfügbarkeit schickte sich an, die Medienlandschaft zu revolutionieren. Immer mehr Bewegtbildinhalte drängten sich ins Netz, Youtube wuchs und wuchs, Liveübertragungen wurden, noch in Briefmarkenformatauflösung, als Streams im Web übertragen. Die Zeit, dass das Internet dem klassischen TV ein attraktives Gegenmodell präsentierte, schien angebrochen.

IP-TV war geboren, und alle redeten darüber.

Die Vorteile von IP-TV lagen auf der Hand: Die schier unerschöpflichen Möglichkeiten, Interaktion zur Programmsteuerung und für Rückkanäle vom Benutzer zum Sender aufzubauen, die geringen technologischen Eintrittsbarrieren, einen eigenen Sender zu etablieren – all das machte IP-TV (genauer gesagt Web-TV, denn es drehte sich in erster Linie um Videostreams im Browser) zum Hype-Thema dieser Zeit.

Google TV

Websites mit Filmchen

Ein Berliner Radiosender schickte sich 2006 an, dem Musikfernsehen zu einer großen Renaissance im Internet zu verhelfen. Motor TV, ein Joint Venture mit ID Media, bei der ich damals Head of Project Management war, ging im September 2006 mit IP-basiertem Video-Streaming auf einer eigenen Website und auf DVB-T (für 6 Monate) live. Der Erfolg war verhalten, zu gering das Interesse, zu (noch) unausgereift die Streaming-Encoding-Technologien – und zu teuer im Vergleich dazu die Live-Streaming-Kosten. Motor TV heißt inzwischen Flux TV und läuft, recht unscheinbar, noch immer als Spartenkanal zur Promotion des Radiosenders Flux FM.

In dieser Zeit sind auch große Konzerne in wabbasierte Sparten-TV-Kanäle eingestiegen, ganz vorneweg Automobilkonzerne, die beispielsweise mit BMW TV, Audi TV oder Mercedes Benz TV Online-Plattformen geschaffen haben, die am Ende doch nur Websites mit OnDemand-Promotion-Filmchen waren (und sind).

Mercedes Benz TV

Und sonst in dieser Zeit? Vereinzelte Live-Übertragungen von Events im Netz, fast immer mit dem Makel der technischen Bandbreite geschlagen, was trotz halbwegs breitem DSL ein wirkliches TV-Lean-Back-Erlebnis dann eben doch nicht zuließ. Verständlich, dass die TV-Revolution im Web da noch auf sich warten ließ.

Flächendeckendes Live-TV im Internet – in den Kinderschuhen

Und nun, sieben Jahre später, Anfang 2013? Was ist aus IP-TV geworden? Es hat sich auf der einen Seite eine Menge getan: Fast alle großen Fernsehsender haben umfassende, sehr professionell ausgestattete Online-Mediatheken, ganz vorneweg ARD, ZDF oder Arte, in denen man etliche Sendungen im Nachgang online on demand sehen kann.

Zudem sendet die ARD seit gestern, dem 3. Januar 2013, sein Programm komplett live und ohne Unterbrechung ins Internet. Das bisher limitierte Livestream-Angebot des Ersten soll damit, aufgrund der hohen Nachfrage nach den bisherigen Web-TV-Angeboten, erweitert und rund um die Uhr gesendet werden.

Allerdings scheint das Angebot noch sehr unter Kinderkrankheiten zu leiden: Mehrere Selbsttests und ein Bericht von Spiegel Online zeigen, dass der Livestream oftmals nicht zur Verfügung steht. Das ganze scheint also noch etwas in den Kinderschuhen zu stecken.

ARD Livestream

Selbst produzierte Sparteninhalte als erfolgreiche Geschäftsmodelle

Wenn man sich außerhalb von TV-Sendern umschaut, haben auch sonst viele Medienproduzierenden in Bezug auf Bewegtbilddistribution das Heft in die Hand genommen und bieten selbst sehr hochwertige Bewegtbildinhalte im Netz an. Wie die Berliner Philharmoniker, die mit der Digital Concert Hall eine in Audio- und Videoqualität einzigartige Plattform für Liveübertragungen in HD, mit umfassendem Archiv und professionellem Bezahl- und Abosystem anbieten. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell der BPhil Media GmbH, einer Tochter der Berliner Philharmoniker.

Berliner Philharmoniker Digital Concert Hall

Pseudo-Innovationen im TV-Sektor

Auf der Suche nach neuen Innovationen im TV-Business ist man sich auch nicht zu schade, selbst offensichtlich nicht funktionierende Geschäftsmodelle als unglaubliche Neuerungen zu verkaufen: Intel Channels brüsten sich damit, Kabelkunden das Abonnement von einzelnen Känalen zu ermöglichen, und so aus dem Wust von hunderten Schrottsendern die gewünschten (und nur die) auszuwählen. Dass dies nicht aufgehen wird, ist klar: Lebt das TV Ökosystem doch von den Kanal-Bundles, bedeutet das Auflösen der Bundles zwangsläufig höhere Kosten, die am Ende natürlich der Kunde bezahlen müsste:

Those bundles are core to today’s TV ecosystem. And the TV guys insist that consumers really don’t want “a la carte” programming, because if they do, the channels/shows they like today will end up costing much, much more.
Disney, for instance, charges TV distributors about $5 for every subscriber who gets ESPN. And, by some estimates, only about 25 percent of cable customers actually watch ESPN on a regular basis. So if you unbundled ESPN, the per-subscriber cost might shoot up to $20 or more, to account for the 75 percent drop in its customer base.

Quelle: Business Insiders

Google TV – auf der Strecke geblieben

Und Google TV? Vor einigen Jahren als das Ende des klassischen TVs und als Geburt des Fernsehens des 21. Jahrhunderts aufgerufen, ist Google TV nun im Herbst 2012 tatsächlich an den deutschen Markt gegangen – zunächst sehr unscheinbar, da an vielen Stellen Inhalte fehlen und die Kundenbegeisterung sich in Grenzen hält. Google TV verspricht Zugang zu Filmen, Serien, Spartenkanälen, Youtube-Kanälen, Apps und mehr. Zur Zeit jedoch ist Google TV in Deutschland im wesentlichen auf YouTube-Inhalte begrenzt, was einigermaßen ernüchternd ist.

Google TV

Immerhin – etliche Filme sind komplett auf YouTube in DVD-Qualität in voller Länge verfügbar. Um nur ein paar Beispiele zu nennen:

Dennoch – Zukunft sieht definitiv anders aus:

In Deutschland ist das erste Google-TV-Gerät seit September 2012 verfügbar. Die Hauptfunktion der Box beschränkt sich momentan im Wesentlichen noch darauf, Internetinhalte auf den Fernseher zu übertragen und eine Anbindung an die Entertainment-Plattform Google Play ins Wohnzimmer zu liefern. Live-TV-Streams sind mit dem Gerät nicht zu empfangen, da Google den Service noch nicht anbietet. Es liegen noch keine Informationen vor, wann ein Fernsehangebot startet.

Quelle

Apple TV – sowas wie die Zukunft?

Laut Branchengerüchten plant Apple ebenfalls seit einiger Zeit den Einstieg in den TV-Markt. Die Spekulationen kreisten lange Zeit um die Produktion eines eigenen Fernsehgeräts mit dem Namen Apple iTV. Inzwischen haben sich die Gerüchte jedoch etwas gedreht, und man erwartet die Weiterentwicklung der Apple TV Lösung zum Fernsehempfänger mit Live-TV-Streams. Und da Apple in den USA bereits mit Kabel-TV-Anbietern in Verhandlung steht, könnte sich Apple auch dieses Mal wieder anschicken, die Medienlandschaft zu verändern – mit einer Lösung, von der im Nachhinein jeder denkt: Warum ist eigentlich nicht schon viel früher jemand anderer darauf gekommen, wie Fernsehen im 21. Jahrhundert sein sollte?

Mal abwarten – das Jahr 2013 ist ja noch jung.


Bild- und Textquellen: Google TV, Mercedes Benz TV, ARD, Digital Concert Hall, Spiegel.de

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