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Die Verschrottung des Desktops

Dieser Tage steht eine der größten Veränderungen in der Computerwelt seit der Einführung der Maus ins Haus: Mit der Veröffentlichung von Windows 8, das den gewohnten Desktop von Computern zugunsten einer kachelartigen Touch-Optik abschafft, wird die Schreibtisch-Metapher nach fast 40 Jahren so gut wie zu Grabe getragen.

Oder zumindest so weit in den Hintergrund gedrängt, dass der gute alte Desktop auf einen Schlag schon halb verschrottet wirkt.

Doch was hat es auf sich, warum gerade jetzt ein über Jahrzehnte etabliertes Schema für Benutzeroberflächen von Computern nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint (zumindest aus der Sicht von Microsoft)? Warum setzt Windows, an dessen Usability-Alpträume (wie den Start-Button zum Ausschalten benutzen zu müssen oder die Affentastenkombi str-alt-entf) sich inzwischen Milliarden von Nutzern gewöhnt hatten, dem Desktop gerade jetzt ein Ende?

Die Desktop-Metapher: Eine kleine Geschichte

Xerox gilt als der Erfinder des Desktops: Mit dem Xerox Alto wurde 1973 das ikonografische Abbild eines Schreibtisches mit Papierkorb und Ordnern, die sich öffnen lassen, zum ersten Mal in einem Computer umgesetzt. Zunächst noch mit einem Bildschirm im Hochformat, um Blätter 1:1 abbilden zu können.

Xerox entwickelte den Desktop bis in den Beginn der 80er Jahre weiter: Mit dem Modell Star präsentiert Xerox 1981 einen Computer mit einem Desktop, dessen visuelle Erscheinung sehr viel mit dem gemein hat, was später Apple mit dem Macintosh, die ersten Windows-Versionen oder auch Steve Jobs mit seinem gescheiterten Next-Projekt jeweils auf den Markt bringt.

Der Siegeszug des Apple Macinstosh – der für viele fälschlicherweise als der Erfinder des Desktops gilt – begründet sich auf dem Instinkt von Steve Jobs: Computer für normale Menschen zu bauen, für Nicht-Nerds. Computer, die leicht zu bedienen sind und für die man nicht Wissenschaftler sein muss:

Of the 235 million people in America, only a few can use a computer.
Introducing Macintosh. For the rest of us.
If you can point, you can use a Macintosh.

Apple hat den Desktop nicht erfunden – hat ihn aber perfektioniert und so benutzerfreundlich gemacht, dass seine Bedienung einfach, smart und intuitiv ist. Genau so, wie Apple auch nicht das Mobiltelefon erfunden hat – aber mit dem iPhone dessen Bedienung einfach, smart und intuitiv gemacht hat.

Der Rest ist Geschichte: Apple revolutioniert den Desktop, Windows springt auf den Zug auf und interpretiert die Benutzerfreundlichkeit der Oberfläche eher aus der Sicht des betriebsblinden Technikers. 1999 stellt Apple mit Mac OS X Server sein Betriebssystem auf ein komplett neues Unix-Derivat um, das mit Altem bewusst bricht. 2001 folgt die Client-Version von Mac OS X – und beschert Apple das große Comeback unter Steve Jobs.

Windows setzt nach den 95er und 98er Versionen auf die Weiterentwicklung der NT-Serie: Nach Windows 2000 folgen Windows XP, Windows Vista (das für viele als das schlechteste Windows überhaupt gilt), Windows 7 – und nun Windows 8.

Windows 8 – oder: der Spagat zwischen zwei Hochzeiten

Der Siegeszug des iPad hat gezeigt: Tablets stehen hoch im Kurs. In der Windows-Welt hat bisher eine adäquate Antwort auf das extrem erfolgreiche Apple iOS gefehlt. Windows Mobile ist in Sachen Usability ausreichend bis mangelhaft: Sobald man die erste Ebene mit den großen Icons verlässt, befindet man sich im Windows-Look mit kleinen Dateilisten, die man garantiert auf einem Smartphone nicht mehr bedienen kann.

Diese Lücke soll nun Windows 8 schließen. Das neue Betriebssystem wirft den gewohnten Desktop über Bord (nicht komplett, er ist im Hintergrund noch zum Teil verfügbar), killt das anachronistische Startmenü – und bricht auch sonst mit vielem Gewohnten. Statt dessen wird eine touch-optimierte Oberfläche präsentiert, auf der Objekte als Kacheln dargestellt werden.

Auf Touch-Geräten ist dies eine gute Sache, aber auch für Laptops und Stand-PCs? Wenn man sich die Nutzungsszenarien von Computern anschaut…

  • Tablets und Handheld-Pcs für die Nutzung unterwegs,
  • Laptops für den einfachen Transport und die Nutzung zuhause und im externen Büro (Kunde, Hotel, Flughafen etc.),
  • Stand-PCs für die Nutzung zuhause

… liegt es relativ deutlich auf der Hand, dass wir es hier mit zwei unterschiedlichen Szenarien zu tun haben: Der Nutzung am Schreibtisch und der Nutzung unterwegs. Apple hat hierfür zwei Betriebssysteme geschaffen – Mac OS X und iOS –, die sehr unterschiedlich in der Handhabung sind – auch wenn es seit OS X Mountain Lion starke Annährungen gibt.

Windows 8 zieht hier keine Trennlinie, sondern schafft ein Betriebssystem für beide Nutzungsszenarien. Die Bedienung sieht dabei so aus:

1. Tablet-User

mit Touch-Display starten in der Kachel-Icon-Optik, was gut ist und Spaß macht. Startet man jedoch ein Programm, das noch nicht für Windows 8 optimiert ist, landet man schnell eine Ebene tiefer auf dem alten Desktop – der dann auf einem Touch-Display so gut wie nicht mehr bedienbar ist. Systemeinstellung gibt es gleich in mehreren Varianten, in der Touch-Oberfläche, in der Desktop-Oberfläche – mit Überschneidungen, Widersprüchen und Unklarheiten in den Funktionen.

2. Normal-PC-User

mit Stand-PCs und Laptop-User, die ihr Gerät ins externe Büro transportieren, starten mausgesteuert in der Kachel-Optik, die für Maus-Bedienung ungewohnt ist. Gewohnte Funktionen wurden komplett entsorgt (Startmenü, Taskleiste unten) und statt dessen zum Teil kryptische Funktionen eingeführt, die mittels Wisch von…

  • links (wechseln zwischen Tasks, aber auch Bildschirm teilen),
  • oben (Kontextmenüs in Programmen, aber auch Schließen von Apps),
  • rechts (Taskleiste) oder
  • unten (Apps löschen)

… aufrufbar sind. Für Mausnutzer ist das ungewohnt bis kryptisch, lädt zu Verwechslungen mit den anderen seitlichen Wischgesten ein – und ist vor allem ohne Wischfinger schwierig umzusetzen, insbesondere für Gesten, die außerhalb des Bildschirms gestartet werden. Einfach und intuitiv ist anders.

Fazit: Die Verschrottung des Desktops

Windows 8 scheint in der Summe ein nicht zu Ende gedachter Versuch, dem erfolgreichen iOS das Wasser abzugraben, ohne wirklich zu begreifen, was gute Usability auf Touch- und vor allem Nicht-Touch-Geräten ausmacht.

Hier wird beides in einen Topf geworfen und kräftig durchgerührt. So lange, bis auch der letzte Nutzer restlos irritiert ist und garantiert nichts mehr von seinem gewohnten Desktop, der verschrottet wurde, wiederfindet.

Intuitive Benutzung in einem Zeitalter, in dem Computer immer alltäglicher und Alltagsgegenstände immer intelligenter werden, sollte deutlich anders aussehen.

Quellen: Microsoft, Spiegel Online, Golem

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